Helmuth Karl Bernhard Graf von Moltke, wie er mit vollständigem
Namen hieß, wurde am 26. Oktober 1800 zu Parchim in Mecklenburg-Schwerin geboren.
1812 ging er nach Kopenhagen, um seine militärische Laufbahn zu beginnen. Zehn
Jahre später, am 12. März 1822, trat er als Infanterieleutnant in preußische Kriegsdienste
über. Hier zeichnete er sich bald so aus, daß 1832 seine Aufnahme in den Generalstab
erfolgte. Drei Jahre darauf unternahm er eine Reise in den Orient, welche ihm
den Sultan Mahmud nahebrachte und zur Folge hatte, daß er, für mehrere Jahre beurlaubt,
der Ratgeber des Sultans wurde bei den von diesem beabsichtigten militärischen
Reformen.
Auch war Moltke Teilnehmer an dem türkischen Feldzug gegen Mehemed Ali (1839),
wo der türkische Oberbefehlshaber seinen verständigen Rat verschmähte und dafür
bei Risib geschlagen wurde. Der Aufenthalt in der Türkei gab ihm Veranlassung
zu mehreren schriftstellerischen Arbeiten, nähmlich "Der russisch-türkische Feldzug
in der europäischen Türkei" (Berlin 1835) und "Briefe über Zustände und Gegebenheiten
in der Türkei aus den Jahren 1835 - 1839". Nach Mahmuds Tod 1839 kehrte Moltke
heim und kam in den Generalstab zurück. 1842 zum Major befördert, heiratete Marie
Burt und wurde 1846 Adjutant bei dem in Rom lebenden Prinzen Heinrich von Preußen
und nach dessen Tod 1847 beim Generalkommando am Rhein.
1848 zum Abteilungsvorstand im Großen Generalstab ernannt, war Moltke von 1849
- 1855 Chef des Generalstabes des 4. Armeekorps und seit 1856 Adjutant des Prinzen
Friedrich Wilhelm (dem späteren Kaiser Friedrich III.). 1858 trat er an die Spitze
des Generalstabes der Armee und erhielt 1859 den Rang eines Generalleutnants.
Telegramm an Helmuth von Moltke über die Ernennung zum Chef des Generalstabes:
"An den General-Major Freiherrn von Moltke.
Ich beauftrage Sie hierdurch, unter Entbindung von dem Verhältnis als erster Adjutant
des Prinzen Friedrich Wilhelm von Preußen, Königliche Hoheit, mit der Führung
der Geschäfte des Chefs des Generalstabes der Armee. Sie haben hierin einen besonderen
Beweis meines in Sie gesetzten persönlichen Vertrauens zu erblicken, und erwarte
ich, daß Sie demselben vollständig entsprechen und die Ihnen übertragenen hochwichtigen
Dienstfunktionen im wahren Interesse der Armee ausführen werden. Das Kriegsministerium
wird Ihnen aus dem vakanten Gehalte der Stellung Ihre bisherigen Gehaltskompetenzen
nebst einer Zulage von jählich 1200 Thlr. anweisen.
Berlin, den 29. Oktober 1857
Im allehöchsten Auftrage Seiner Majestät des Königs
Prinz von Preußen
Graf Waldersee."
Helmuth von Moltke im Generalstabsgebäude
Um die Ausbildung der Generalstabsoffiziere erwarb er sich durch
eigene Vorträge und durch stete Leitung und Überwachung ihrer Arbeiten große Verdienste.
Der Operationsentwurf für den Deutsch-Dänischen Krieg war größtenteils sein Werk,
wie er denn auch Ende April 1864 Generalstabschef des Prinzen Friedrich Karl,
Oberbefehlshaber der alliierten Truppen, wurde.
Über Erwarten glänzend entfaltete sich Moltkes strategische Begabung im Deutschen
Krieg vom Sommer 1866. Im Juni diesen Jahres zum General der Infanterie ernannt,
begleitete er König Wilhelm in dessen Lager und wohnte der Entscheidungsschlacht
von Königsgrätz bei. Nach dieser Schlacht leitete er auch den Vormarsch der Preußen
gegen Wien und Olmütz und führte die Friedensverhandlungen in Nikolsburg, welche
den Waffenstillstand vom 2. August 1866 zur Folge hatten.
Als Auszeichnungen für seine Verdienste wurde ihm vom König der Schwarze Adlerorden
und von der Nation eine Dotation verliehen. Unermüdlich tätig, betrieb er sofort
die Beseitigung aller Mängel in der Organisation und Taktik der preußischen Armee,
welche sich 1866 namentlich bei der Kavallerie und Artillerie herausgestellt hatten.
Zugleich bereitete er alles für den erwarteten Entscheidungskampf mit Frankreich
vor und arbeitete einen genauen Mobilmachungs- und Feldzugsplan bereits 1868 aus.
Am 24. Dezember 1868 traf ihn ein Schicksalsschlag mit dem Tode seiner Gattin.
Moltkes Plan für einen Krieg gegen Frankreich bewährte sich jedoch beim Ausbruch
des Krieges im Jahre 1870 aufs glänzendste. Die ohne alle Störung bewerkstelligte
Beförderung der Heeresmassen mit der Eisenbahn, der Aufmarsch der drei Armeen
am Rhein sowie die Leitung der Kriegsoperationen selbst erfüllten alle Welt mit
Bewunderung und Vertrauen in seine Leitung. "Getrennt marschieren, vereint schlagen!"
war Moltkes Maxime und die Siege der deutschen Armeen haben diese bewährt.
Die große Rechtsschwenkung der dritten und der Maasarmee Ende August,
die mit der Kapitulation von Sedan endete, und die Sicherung der Belagerung von
Paris werden stets als strategische Meisterstücke anerkannt werden. Er durfte
vieles wagen, weil er genau zu beurteilen wußte, was er seinen Streitkräften zumuten
konnte. Die Ehren und Belohnungen, die ihm zuteil wurden, waren zahlreich. Am
28. Oktober wurde Moltke in den Grafenstand erhoben und am 22. März 1871 erhielt
er das Großkreuz des Eisernen Kreuzes.
Brief König Wilhelm I. an Helmuth von Moltke vom 28. Oktober 1870:
"Wir stehen heute an einem neuen bedeutenden Abschnitte des blutigen Krieges,
der uns mit unvergleichlichem Leichtsinn aufgenötigt worden ist. Die unermeßlichen
Erfolge, welche wir erkämpft haben, verdanke ich Ihrer von neuem so glänzend sich
erwiesen habenden weisen Führung der Operationen.
Die Genugtuung, die Ihnen dafür Ihr eigenes Gewissen zollt, kann durch nichts
erhöht werden. Aber vor der Welt Ihr großes Verdienst öffentlich anzuerkennen,
ist meine Aufgabe, und ich wünsche, sie dadurch zu lösen, daß ich Sie hiermit
in den Grafenstand erhebe.
Mögen Sie lange noch dem Vaterlande, der Armee und mir Ihre Talente wie bisher
mit gleich glücklichem Erfolge widmen.
Ihr dankbarer König
Wilhelm."
Am 16. Juni 1871 wurde Helmuth von Moltke Generalfeldmarschall, erhielt eine bedeutende
Dotation, die er zur Stiftung eines Familienfideikommisses verwendete, und wurde
von zahlreichen Städten zum Ehrenbürger ernannt. Seine Vaterstadt Parchim errichtete
ihm ein Denkmal, das am 2. Oktober 1876 enthüllt wurde; ein anderes wurde ihm
1881 in Köln errichtet. Der russische Kaiser überschüttete ihn bei einem Besuch
in Rußland im Dezember 1871 mit Ehrenbezeigungen. Nie verließen Moltke aber seine
Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit.
Auch politisch war Moltke tätig. Seit 1867 gehörte er dem Bundesstag des Norddeutschen
Bundes, dann dem Reichstag des Deutschen Reiches und seit dem 28. Januar 1872
dem preußischen Herrenhaus an. Dort schloß er sich der konservativen Partei an
und erfüllte mit unermüdlicher Gewissenheit seine Pflichten als Abgeordneter.
Aufsehen erregte seine formell und sachlich meisterhafte Rede über die politische
Lage und die militärischen Pflichten des deutschen Volkes vom 16. Februar 1874
im Reichstag.
Am 3. August 1888 erbat er von Kaiser Wilhelm II. seine Entlassung als Chef des
Großen Generalstabes wegen seines hohen Alters. Diese Stellung hatte Moltke nun
mittlerweile seit dreißig Jahren inne. Der Kaiser gewährte ihm am 9. August seinen
Wunsch in einem überaus anerkennenden, liebenswürdigen Schreiben und ernannte
ihn zum Präses der Landesverteidigungskommission, welches Amt sein Vater, Kronprinz
Friedrich Wilhelm, bis zu seiner Thronbesteigung bekleidet hatte. Moltke behielt
sein Gehalt und seine Dienstwohnung. Er lebte teils in Berlin, teils auf seinem
Gut Kreisau in Schlesien. Sein Reichstagsmandat behielt er, wie er denn bei der
Verhandlung über das Septennat im Januar 1887 entschieden für dieses eintrat.
Am 8. März 1889 feierte Moltke sein 70jähriges Militärdienstjubiliäum.
Sein 90. Geburtstag wurde am 26. Oktober 1890 auf Befehl des Kaisers in besonderer
Weise gefeiert. Nachdem ihm am 25. Oktober abends in Berlin ein großartiger Fackelzug
dargebracht worden war, beglückwünschte ihn der Kaiser am 26. Oktober persönlich
an der Spitze zahlreicher Fürstlichkeiten und ließ die Fahnen der Berliner Garnision
vom Schloß für 24 Stunden in Moltkes Wohnung bringen. Schulen und Vereine veranstalteten
an diesem Tage große Feierlichkeiten in ganz Deutschland. Sein Geburtshaus in
Parchim wurde angekauft und eine Moltke-Stiftung errichtet.
Am 23. April 1891 starb Helmuth von Moltke in Berlin und wurde, nachdem dort eine
große Leichenfeier stattgefunden hatte, in der von ihm erbauten Grabkapelle zu
Kreisau in Schlesien neben seiner Gemahlin beigesetzt. Seinen militärischen Nachlaß
gab ab 1892 der Große Generalstab heraus.
Generalfeldmarschall Helmuth von Moltke über Kriegslehre:
"Es gibt Feldherrn, die keines Rates bedürfen, die in sich selber wägen und beschließen;
ihre Umgebung hat nur auszuführen. Aber das sind Sterne erster Ordnung, deren
kaum jedes Jahrhundert aufzuweisen hat. In den allermeisten Fällen wird der Führer
eines Heeres des Beirats nicht entbehren wollen. Dieser kann sehr wohl das Resultat
gemeinsamer Erwägung einer kleineren oder größeren Zahl von Männern sein, deren
Bildung und Erfahrung sie vorzugsweise zu einer richtigen Beurteilung befähigt.
Aber in dieser Zahl schon darf nur eine Meinung zur Geltung kommen. Die militärisch-hierarchische
Gliederung muß der Unterordnung, auch des Gedankens, zur Hilfe kommen ... Am unglücklichsten
aber ist der Feldherr, der noch eine Kontrolle über sich hat, welcher er an jedem
Tag, in jeder Stunde Rechenschaft von seinen Entwürfen, Plänen und Absichten legen
soll, einen Delegaten der höchsten Gewalt im Hauptquartier oder doch einen Telegraphendraht
im Rücken. Daran muß jede Selbständigkeit, jeder rasche Entschluß, jedes kühne
Wagnis scheitern, ohne welche doch der Krieg nicht geführt werden kann."