Der Deutsch-Französische Krieg 1870/71

Prinz Leopold
Prinz Leopold
Währenddessen haben sich die Beziehungen zwischen Preußen und Frankreich ständig verschlechtert. Napoleon III., der französische Kaiser, ist mit seinen Territorialansprüchen gescheitert, die er als Entschädigung für seine Neutralität von 1866 gefordert hat.

Eine Instruktion Bismarcks an den preußischen Gesandten in München aus dem Jahre 1869 lautete wie folgt:

Napoleon III.
Napoleon III.
"Daß die deutsche Einheit durch gewaltsame Ereignisse gefördert werden würde, halte auch ich für wahrscheinlich. Aber eine ganz andere Frage ist der Beruf, eine gewaltsame Katastrophe herbeizuführen, und die Verantwortlichkeit für die Wahl des Zeitpunkts. Ein willkürliches, nur nach subjektiven Gründen bestimmtes Eingreifen in die Entwicklung der Geschichte hat immer nur das Abschlagen unreifer Früchte zur Folge gehabt; und daß die deutsche Einheit in diesem Augenblicke keine reife Frucht ist, fällt meines Erachtens in die Augen... Wir können die Uhren vorstellen, die Zeit geht deshalb aber nicht rascher, und die Fähigkeit zu warten, während die Verhältnisse sich entwickeln, ist eine Vorbedingung praktischer Politik."

Im Frühjahr 1870 trägt das spanische Parlament dem Prinzen Leopold aus dem Hause Hohenzollern-Sigmaringen, der katholischen Linie des regierenden preußischen Königshauses, den verwaisten Thron des Landes an. Der Prinz lehnt zunächst ab, entscheidet sich aber durch Bismarcks Zutun letztlich doch für die Krone. Am 4. Juli bietet das spanische Parlament dem Prinzen die Krone offiziell an. Frankreich reagiert entsetzt auf dieses Ereignis; man fürchtet eine Umklammerung und die Wiederkehr des Reiches Karl V. In einer provokanten Rede vor der Abgeordnetenkammer droht der französische Außenminister Gramont Preußen offen mit Krieg, sollte die Kandidatur nicht umgehend zurückgezogen werden.

Wilhelm I. und Benedetti in Ems
Wilhelm I. und Benedetti in Ems
Durch den Druck Wilhelms verzichtet Prinz Leopold am 12. Juli auf sämtliche Ansprüche für den spanischen Thron. Die Franzosen machen nun einen schweren Fehler: Sie haben einen politischen Sieg über Preußen errungen; die Kandidatur auf den spanischen Thron ist zurückgezogen worden. Doch sie fahren fort, Preußen auch auf die Gefahr eines Krieges hin, in dem sie ohne Verbündete und Unterstützung dastehen, weiter zu demütigen. Der französische Botschafter Graf Benedetti wird zu König Wilhelm, der sich gerade in Bad Ems zur Kur aufhält, geschickt, um von ihm zu fordern, niemals die hohenzollernsche Kandidatur zu erneuern und auf den spanischen Thron für alle Zeiten zu verzichten. Am selben Tage legt Napoleon III. im Ministerium fest, dass Frankreich den Krieg beginnen werde, sollte die geforderte Garantie ausbleiben. Ein Sieg über Preußen sollte von der gespannten inneren Lage Frankreichs ablenken.

Wilhelm ist schockiert über die französische Forderung, lehnt es ab, den Botschafter nochmals zu empfangen und schickt ein Telegramm mit der Beschreibung dieser Vorgänge nach Berlin (siehe "Emser Depesche in der ursprünglichen Form"). Im Beisein von Moltke (Generalstabschef) und Roon (Kriegsminister) ließt Bismarck das Telegramm, nimmt einige kurze Änderungen vor (Herausstreichen von unwichtigen Textpassagen) und reicht es Moltke. Nachdem dieser es gelesen hatte, sagte er: "Das ist der Krieg!". Durch Bismarcks Änderungen erhielt die Depesche eine kürzere und schärfere Form. Diese wurde schließlich in der Presse veröffentlicht (siehe "Emser Depesche in Bismarcks Form") und löste in Deutschland eine allgemeine Empörung über Frankreich aus. Frankreich erscheint durch die Emser Depesche vor aller Welt zurechtgewiesen. Zu rascher Entscheidung gezwungen verliert es jegliche Zeit für weitere Rüstungen.

Aber horch! Der freche Franke
Neidet unser Glück und schnaubt
Und verhöhnt in rohem Zanke
Unsers Königs greises Haupt.
Auf denn, auf, ihr deutschen Streiter!
Schiffsvolk, alle Mann auf Deck!
Auf die Rosse, tapfre Reiter,
Jäger aus dem Waldversteck!
Auf, zur letzten blut'gen Reise
Nach dem höchsten Siegespreise:
Holt uns wieder Straßburgs Dom
Und befreit den deutschen Strom!
König Wilhelm, fest im Norden
Bautest du das neue Reich.
Wahr' es heut vor fremden Horden,
Deinen großen Vätern gleich!
Führ' uns heut auf schön're Bahnen,
Der du Habsburgs Fahnen schlugst,
Deutschland folgt den stolzen Fahnen,
Die du einst gen Böhmen trugst.
Gott der Herr, in Einer Stunden
Heilte unsers Haders Wunden.
Zeuch die Straße nach Paris,
Die Dein Ahn den Vätern wies.
Aber dann durch Berg und Forsten
Fliege heim, du Königsaar,
Zu den schwäbischen Felsenhorsten,
Wo einst deine Wiege war.
Denn erfüllet sind die Zeiten,
Wahrheit wird der Dichter Traum,
Deinen Fittich wirst du breiten
Über Deutschlands fernsten Raum.
Nimm die mächtigste der Kronen,
Schwing' den Flamberg der Ottonen,
Unsrer Kinder Zier und Wehr -
Deutschland frei vom Fels zum Meer.


(Heinrich von Treitschke, 1870)
Wilhelm I. im Mausoleum von Charlottenburg
Wilhelm I. im Mausoleum von Charlottenburg
Die französischen Kriegskredite werden bewilligt und am 14. Juli erhält die Armee den Mobilmachungsbefehl. Am 16. Juli macht Preußen zum drittenmal in einem Jahrzehn mobil. Drei Tage später, am 19. Juli, erklärt Frankreich dem Königreich Preußen den Krieg. Bismarck kann dem eben zusammengetretenen Bundestag mit Recht sagen, es sei das erste amtliche Schriftstück, das der preußischen Regierung in der Frage der Thronkandidatur von Frankreich zugegangen sei. Ein englischer Vermittlungsversuch scheitert.

Durch Deutschland geht eine Welle der nationalen Begeisterung. Entgegen der französischen Erwartung halten alle süddeutschen Staaten ihre Beistandsbündnisse mit Preußen ein und ziehen gegen Frankreich zu Felde. Auf den Lippen der Kämpfer ertönt das Lied "Wacht am Rhein". König Wilhelm erneuert die Stiftung des Eisernen Kreuzes von 1813 und stiftet zusätzlich zwei Kriegsdenkmünzen. Unter Moltkes Führung gelingt der Aufmarsch durch Nutzung der Eisenbahn unerwartet schnell für die Franzosen. Es werden drei deutsche Armeen mit insgesamt ca. 400.000 Mann aufgestellt (I. Armee unter von Steinmetz bei Trier, II. Armee unter Prinz Friedrich Karl von Preußen in der westlichen Pfalz, III. Armee unter dem preußischen Kronprinzen bei Landau, später noch die IV. Armee unter dem Kronprinzen Albert von Sachsen). Auf französische Seite stehen etwa 250.000 Soldaten zu Begin des Krieges im Felde.